Jetzt schlägt's Taiko!

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Besuch beim 6th U.K. Taiko Festival in Exeter im Juli 2010

Oliver Boldt August 2010

In Exeter, im Südwesten Englands, findet es seit 2005 alljährlich statt: das UK Taiko Festival. Veranstaltet wird es von der ansässigen Gruppe Kagemusha Taiko, die 1997 von Jonathan Kirby initiiert wurde. 2010 versprach ein besonderes Festival zu werden, weil ein Gastbesuch von San Jose Taiko aus Kalifornien auf dem Programm stand. Nach unserem ersten Besuch 2005 waren wir (Oliver Boldt und Katja Nill) auch sehr neugierig darauf, was sich im Laufe der Zeit alles verändert hat.

Wir erzählten unserer Gruppe von unserer geplanten Englandreise und erfuhren überrascht, dass zwei weitere Trommler/-innen das Gleiche vorhatten. Damit bahnte sich dann auch ein kleiner Auftritt an. Festivaltickets wurden bestellt, Bed&Breakfast gebucht und dann ging es auch schon los.

Der Freitag

Der Festivalauftakt fand am Freitagabend statt und nannte sich "An Evening with San Jose Taiko". Die Tickets wurden speziell an die Taikoszene vergeben und waren schnell vergriffen - zum Glück hatten wir rechtzeitig reserviert. Vor dem Konzert gab es im Foyer natürlich erst noch ein freudiges "Hello" mit alten Bekannten. Jonathan war dort mit seiner Frau Gebriele und den Kindern Pippa und Oliver. Beide sind mittlerweile auch Taikolehrer bei Kagemusha - ein echter Familienbetrieb. Wir trafen natürlich auch unsere Bandkollegen Björn und Kerstin und machten sie bekannt. Der Abend war so geplant, dass San Jose Taiko (SJT) ein Konzert geben würden und zu jedem Stück die Bedeutung und Entstehungsgeschichte erkären. Im Anschluss gab es dann eine Session mit Fragen & Antworten.

SJT wurde 1973 in Kalifornien als 3. Taikogruppe der USA gegründet. In den USA sind sie schon fast eine Legende, aber in Europa wenig bekannt. Auch ich wusste nur wenig über sie, insbesondere hatten ich nur wenig Videomaterial gesehen. Daran änderte auch die Videokassette nichts, die ich mal bei einem Besuch vor Ort von SJT geschenkt bekommen hatten - unser "NTSC-tauglicher" Videoplayer spielte das Ding einfach nicht ab. Die Gründerin "PJ" erzählte, wie sie mit Roy die Gruppe gründete. Unterricht nahmen sie "um die Ecke" bei Seichii Tanaka von San Francisco Taiko Dojo. Der schickte sie schon nach einem Jahr nach Hause und sagte, dass sie jetzt ihre eigenen Stücke schreiben sollten. Sie fanden einige Mitstreiter in Form von guten Musikern (aber ohne Taikoerfahrung) die sich sofort ans Komponieren machten und wohl gleich "die Latte sehr hoch gelegt haben". In den 37 Jahren hat die Gruppe ca. 80 Stücke komponiert. In den 1980er Jahren wurde das Unternehmen SJT gegründet und seitdem arbeitet die Gruppe professionell mit festangestelltem Personal. PJ erzählte auch, wie sie zu ihrem Band-Spitznamen "Sunshine Taiko" kamen. SJT waren die erste ausländische Taikogruppe, die in Japan auf Tour gingen. Es war wohl beim Besuch der Gruppe Kodo, als der Begriff zum ersten Mal fiel. Während deren Trommler wohl immer eine sehr ernste Mimik hatten, stellten SJT in ihrer Fröhlichkeit eher "Sunshine California" da. Das kam aber in Japan sehr gut an und in der Folgezeit sah man dann auch schon mal ein Lächeln bei einem japanischen Trommler.

Zum Konzert: dass bei SJT Profis am Werk sind, hört und sieht man sofort. Sie zeigten ein sehr abwechslungsreiches Repertoire, bei dem besonders die Schrägtrommel sehr viel zum Einsatz kam. Obwohl SJT betont hat, dass sie ein zeitgenössisches amerikanisches Taiko spielen, klangen die Stücke doch im Mittel so wie Stücke aus Japan, also nicht völlig exotisch.

"Fragen und Antworten" - Stunde

Der Samstag

Im Guildhall Shopping Center eröffneten die Kagemusha Festival Group um 10 Uhr das Programm. Bis 16 Uhr wurde dann dort live getrommelt. Im Gegensatz zu 2005 trommelten aber überwiegend Erwachsenengruppen. Wir gingen nach dem Auftakt weiter zur Bühne im "Northernhay Garden", einem Park gleich um die Ecke. Den Park kannten wir schon, aber getrommelt wurde dort vor 5 Jahren nicht. Auf der großen Parkwiese hatten die Kagemushas eine richtige, große Bühne aufgebaut. Bunte Fahnen säumten das Gelände und es gab einen Verkaufstand mit Getränken, Sandwiches und - Bachi. Außerdem waren die guten Trommeln von Kagemusha vor Ort. Von den Gruppen des Bühnenplans kannten wir nur SJT und uns selbst. Jonathan Kirby hatte uns am Vorabend erzählt, dass die Taikogruppen in England mittlerweile wie Pilze aus dem Boden schießen. Die Gruppen wurden nett anmoderiert und so hatte man immer ein paar Infos über die Darbietung zur Hand. Obwohl einige Gruppen erst sehr wenig zusammengespielt haben, gaben sie trotzdem ein Stück zum Besten. Wir waren dann gegen Mittag dran. Wir waren, wohl wegen unseres ersten“Auslandseinsatzes”, teilweise aufgeregter als vor Auftritten üblich. Aber die Atmosphäre war sehr entspannt und, da wir keine Sprachprobleme hatten, fühlte es sich fast an wie zu Hause. Wir spielten 4 (teils längere) Stücke und dann war's auch schon vorbei - Applaus und Nächster bitte. Der relativ frühe Termin hatte den Vorteil, dass wir es uns dann vor der Bühne gemütlich machen und den Rest des Tages genießen konnten. Zum Nachmittag wurde es immer voller. Das lag wohl auch daran, dass die Gruppen nach dem Shopping Center Auftritten mit rüberkamen. Ein paar Meter weiter entdeckte ich dann einige Berühmtheiten: Neil und Miyuki von Mugenkyo aus Schottland. Mugenkyo war die erste Taiko-Gruppe in UK und ist die einzige professionell tourende Taikogruppe in Europa. Ich kannte sie nicht persönlich und nahm mir vor, später mal "Hello" zu sagen. Soweit kam es aber nicht, denn wenig später kam Jonathan mit Neil bei uns vorbei - der wollte die "german guys" gerne kennenlernen. Neil blieb ziemlich lange, und es ergab sich eine nette wie interessante Unterhaltung. Er war ganz unglücklich unseren Auftritt verpasst zu haben und lies sich dann unsere Zeit für den nächsten Tag geben. Ich war nur mäßig begeistert, da uns am nächsten Tag nur die Übungstrommeln aus Kunststoff zur Verfügung stehen würden. Der Auftritt von SJT war natürlich auch am Samstag der Höhepunkt des Programms.

Für den Abend stand dann das "National Youth Taiko Concert" auf dem Programm, ein fester Bestandteil jedes Festivals. 10 Gruppen sorgten für das Live-Getrommel. 3 Gruppen davon waren allerdings Kagemusha Junior Taiko, die es mittlerweile in der Anfänger-, Mittelstufen- und Fortgeschrittenenausgabe gibt. Die Gruppen waren mit 12-15 Personen relativ groß und jeweils sehr konsistent im Niveau. Ab der Mittelstufe lassen sie es auch schon derart krachen, dass einem die Luft wegbleibt und man sich fragt, was jetzt noch kommen soll. Wir waren sehr beeindruckt! Dann sollen noch 4 Schüler/-innen aus Cornwall Erwähnung finden. Die spielten ein Stück vor, dass uns mit am Besten gefallen hatte. Die Eltern saßen direkt vor uns und wir kamen mit ihnen ins Gespräch. Sie sagten, eigentlich sei es keine richtige Gruppe und sie hätten auch zur Zeit keinen Unterricht. Sie hatten für das Konzert einen Zeitblock von 5min Länge bekommen und da haben sie eben ein Stück komponiert, das genau 5min lang ist. Ja, so macht man das...

Auftakt im Guildhall Shopping Center

Festivalwiese, auch dabei: Neil(Mitte) und Miyuki(rechts) von Mugenkyo

Die Bühne

Der Sonntag

Ab dem Morgen stand wieder Festivaltrommeln auf dem Programm, und zwar an der Mole vom kleinen historischen Hafen in Exeter. Es ist ein malerisch schöner Platz. Der Auftrittsplatz war an/unter einem riesigen Dach und für Sonne wie für Regen geeignet. Was unseren Auftritt anging hatte ich ein flaues Gefühl im Magen, weil uns statt der richtigen Taikos nur die Pipedrums zur Verfügung standen. Das sind Übungstrommeln aus einem Kunststoffrohr ("Pipe"), das mit LKW-Plane bespannt ist. Der Klang ist ziemlich mager, zumal die Pfeifen- (auch "pipe")Trommeln, wie ich sie verächtlich nannte, schlecht gespannt waren. Erschwerend kam hinzu, dass sich die Mugenkyos für unseren Auftritt angekündigt hatten - die wollten uns unbedingt sehen. Ich vertraute darauf, dass das nur Gerede war und am Abend ggf. das eine oder andere Pint getrunken wurde und somit für einen langen Schlaf sorgen würde. Ich schaute mich um und schien recht zu haben. Nach einem Pipe-Soundcheck und fehlenden Schrägständern stellen wir erstmal unser Programm um.

Den Anfang des Programms machten Kaikyo aus London, auch eine relativ neue Gruppe. An dieser Stelle sei gesagt, dass wir in den zwei Tagen nicht ein bekanntes Stück hörten. Die meisten Gruppen spielten eigene Stücke oder Stücke des Lehrers. Kaikyo hatten nicht nur eigene Trommeln sondern trugen auch japanische Festivalkleidung. Mit Yatai Bayashi und Shichisei gaben sie 2 bekannte Stücke zum Besten. Etwas später spielten die Black Wirral Drummers, welche mit zu unseren Favoriten gehörten. Die Gruppe besteht aus geistig behinderten Menschen. Davon wurde übrigens in der Anmoderation nichts erwähnt. "Jetzt kommen die Black Wirral Drummers aus Liverpool... und viel Spaß".

Zur Mittagszeit zogen wir dann unsere Auftrittsklamotten an - noch 5 Minuten. Und, boooiiing, sah ich gerade Neil und Miyuki von Mugenkyo ankommen. Die meinten es wirklich ernst! Unser Auftritt war zwar vom Spielen her okay, aber klanglich natürlich etwas dünn. Die beiden kamen hinterher zu uns. Neil stellte uns Miyuki vor und wir kamen wieder gut zum Plaudern. Ich erzählte auch von unserem Miyake-Workshop in Japan, bei dem wir auch viel über die Hintergründe des Stückes erfuhren. Die beiden hatten ein ähnliches Erlebnis: Sie hatten eine große Neugier in Bezug auf das Stück Yatai Bayashi. Also reisten sie extra in den Ursprungsort Chichibu und ließen sich einen Termin bei einem Taiko-Sensei geben. Sie hatten viele Fragen: Warum man im Sitzen trommelt, wieso dies und wieso das. Der Trommelverantwortliche zuckte mit den Schultern und sagte schlicht: Wir trommeln hier so, weil wir hier schon immer so getrommelt haben. Das war's.

Das Festival ging relativ lang und nach einem Glas Cider mussten wir auch langsam los Richtung Abschlusskonzert. Leider ließ das Abendessen in einem Pub etwas auf sich warten und zackigen Schrittes sollte es dann für ca. 15-20min richtig Northcott Theater gehen. Kaum waren wir gestartet hielt ein knatternder Van neben uns an und Miyuki und Neil winkten uns heran. Die beiden wurden langsam zum Running Gag. Und so wurden wir mit ihrem alten Bandbus zum Theater kutschiert.

Ein Großteil des Abends bestritten natürlich San Jose Taiko, bei denen Jonathan gelernt hatte und die er von allen Taikogruppen dieser Welt am meisten bewunderte, wie er mir mal sagte. Die Kagemusha Hauptgruppe machten aber den Anfang. Jonathan hatte 10 Jahre gebraucht um seine Stars zu holen und war sichtlich aufgeregt. Natürlich wollte er zeigen, was er erreicht hatte und schickte alles in die Schlacht, was zur Verfügung stand. So wurde die Hauptgruppe mit den besten Junioren gemischt und zusammen standen dann etwa 14 Personen auf der Bühne: erste Reihe 4 Shimen, zwei Reihe 8 Miya und hinten 2 Personen an der O-Daiko. Die Gruppe war wirklich homogen und exzellent und konnten die Stücke von Jonathan wirkungsvoll umsetzen. Zur Pause nach knapp 30min klingelten uns die Ohren. Es war schon sehr beeindrucktend: Mit Kagemusha und den 3 Juniorgruppen hatten wir an beiden Abenden etwa 50 gute Trommler gesehen. Wenn in einer Gruppe mal jemand aussteigt, warten vermutlich ein Dutzend andere Trommler darauf, die Lücke zu füllen. Jonathan hat mit seinem Schulprojekt und den Junioren auf das richtige Pferd gesetzt. Er erntete jetzt die Früchte seiner Arbeit - soviel war klar. In der Pause ging ich zu ihm und brachte ihn etwas in Verlegenheit als ich ihm sagte, dass er wohl mehr gute Trommler hat als der Rest von Europa zusammen. Das klingt vielleicht etwas übertrieben. Aber wenn ich mal durchzähle, wieviele gute Trommler ich kenne, bekomme ich schwer 50 zusammen...

Zum 70-minütigen Abschlusskonzert von SJT gibt es nicht viel zu sagen - die sind einfach klasse. Da sie "nur" mit 7 Personen angereist waren, wurde es nach der "Schlacht" wieder etwas leiser. Meinen Ohren war das nur recht. Interessant war zu sehen, welche Stilelemente Jonathan für seine Gruppe von SJT übernommen hatte. Im Gespräch innerhalb unserer Gruppe stellte sich hinterher heraus, das wir im laufe des Abends aber irgendwann alle völlig abgefüllt waren und nichts mehr aufnehmen konnten. Das war nach 2 1/2 Tagen Dauertaiko wohl auch okay. Nach dem Konzert verabschiedeten wir uns kurz und dann war das Festival für ans vorbei. Auch diese Reise war wieder eine Quelle der Inspiration und hatte sich wahrlich gelohnt.

Nach einer Woche Devon-Urlaub sollte es dann für Katja und mich zur Taiko-Sommerschool Richtung London gehen. Dort würden wir dann unseren Coach Mark Alcock wiedersehen, den wir beim 1. Uk Taiko Festival kennengelernt haben.

Kaikyo (links) und die Black Wirral Drummers

Tanzeinlage